12. Juli 2005, 23:08 Uhr, schneiderDie Werbetafel// Ein Fragment
Paul öffnet die Tür zum Dach. Da steht sie nun vor ihm, die riesige Werbetafel, die bestimmt elf Meter breit und sieben Meter hoch ist. Im Dunkel der Nacht strahlt sie einsam ihre Botschaft aus und hofft, dass ihr die Menschen da unten, die so fleißig ihr Leben leben, ihre Aufmerksamkeit schenken. Sie wünscht sich nur einen kurzen Blick eines jeden Autofahrers, der an diesem riesigen Gebäude vorbeifährt. Dann schon hätte sie ihre Aufgabe erfüllt.
Paul tritt aus dem Türrahmen und nähert sich der Werbetafel. Der Boden ist nass, denn es hat bis vor kurzem geregnet. Er steigt in die eine oder andere Pfütze. Ein leichter Wind weht.
Einige Meter davor bleibt er stehen, um sie noch einmal in ihrer vollen Größe zu betrachten. „Ariel – nicht nur sauber, sonder rein.“ prangert in roten, großen Buchstaben auf ihr. Darunter, etwas kleiner, dann „Ariel – Degil sadece gri ancak ak.“, das Ganze auf Türkisch. Damit beide Teile der Stadt es verstehen können.
Neben diesen beiden Schriftzügen lächelt der Oberkörper eines hübsches Mädchens auf die Stadt herab. Es hat braune Haare, braune Augen und eine im Solarium gebräunte Haut. Ihr Abbild reicht bis zum Ende ihrer Brust, um noch ihren Ausschnitt abbilden zu können.
In der rechten unteren Ecke vervollständigen das Ariel-Logo und eine Packung des Waschpulvers das Gesamtbild.
All dies befindet sich auf einem grün gekachelten Untergrund. Scheinwerfer sind an der Ober- und Unterkante befestigt, um das Bild auszuleuchten.
Paul wendet seinen Blick von der Tafel ab und geht langsam zu deren Rückseite. Als er dahinter angelangt war, hält er wieder inne. Er mustert das schwarz lackierte Gerüst, welches die Werbebotschaft stützt. Es sollte sein Gewicht tragen können.
Paul geht an den rechten Rand des Gerüstes. Er rüttelt es, prüft, ob es ihn auch wirklich aushalten wird. Genau wie der Boden ist auch das Gerüst feucht und nass. Paul hält sich am Gerüst fest und stellt vorsichtig seinen rechten Fuß auf eine Verstrebung. Danach den zweiten. Es hält.
Langsam steigt er das Gerüst empor bis er ganz oben angelangt ist. Dort schlägt er seine Beine über das Gerüst und setzt sich nieder. Er sitzt zwischen zwei Scheinwerfern, die an dem Gerüst befestigt sind und von Insekten umgart werden.
Paul holt ein langes, dünnes, weißes Seil aus seiner rechten Hosentasche. Er zieht es auseinander, um seine Festigkeit zu prüfen. Es wird halten. Er legt seinen Hals in das Seil und wickelt das kürzere Ende hinter seinen Kopf um den Rest des Seiles. Er führt das Ende durch den entstehenden Zwischenraum und zieht es zu einem Knoten zusammen. Danach formt er einen zweiten Knoten. Und einen Dritten. Sicher ist sicher.
Paul nimmt das andere Ende des Seiles und wickelt es um ein paar Verstrebungen. Er festigt es wieder mit drei Knoten. Danach steht er vorsichtig auf. Er spürt den ruhigen Wind in seinem Gesicht, seinem Haar, um seinen ganzen Körper herum. Paul senkt seinen Blick und sieht auf das Werbeplakat, die Scheinwerfer, die von Insekten umschwärmt werden, und den zerfurchten Boden, in dem sich kleine Seen und Bäche gebildet haben. Er hebt seinen Blick wieder und schaut ziellos in die Stadt. Obwohl es so spät ist, strahlt sie noch. Die Hochhäuser, die Hotels, die Klubs, die Bars, die Ampel, alles leuchtet. Doch ab einer Linie, wird all dies Leuchten schwächer und auch die Häuser niedriger, die Bars kleiner. Dies ist die andere Seite der Stadt. Sie liegt etwa eineinhalb Kilometer entfernt.
„Hm. Das muss ich doch irgendwie … besser machen können“, denkt sich Paul, zieht ein Schweizer Taschenmesser aus seiner Hosentasche und klappt eine einfache Schneide aus. Er schneidet erst die Schlaufe um seinen Hals auf und setzt sich dann vorsichtig wieder nieder, um das Seil vom Gerüst zu trennen. Danach klappt er die Schneide wieder ein, lässt das Taschenmesser in seinen linken Hosensack fallen und beginnt, das Seil wieder aufzurollen. Dann steckt er auch das Seil wieder zurück in seine rechte Hosentasche.
Paul steigt vorsichtig vom Gerüst herunter und verlässt das Dach.
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16. Mai 2005, 23:57 Uhr, schneiderDeusch(vs.)österreichI.
In einem,
sind wir Ösis gut,
und zwar im Schimpfen
über die deutsche Brut.
„Voar sechzig Joahr
do haums uns besetzt,
freiwüllig hom ma de Juden jo net ghetzt.“
Nein, nein,
Nazis waren wir Österreicher nie,
und trotzdem haben wir alle mitgemacht
beim Hitler seiner Partie.
II.
„Geh!
Vo an Aunschluß
kaunn goa ka Red sei,
mia Österreicher woittn frei sei.“
Bei all solcher Verleugnung
haben wir ganz vergessen,
dass Europa einst auch ein Deutschösterreich hat besessen.
Und auch dessen Nachfolger war es wichtig,
dass die Deutschland-Frage
endlich berichtigt.
Doch nach dem Krieg
wollte keiner mehr deutsch sein —
als Ösi war man ja kein Nazi-Schwein.
III.
Aber wenn man genau lauscht,
was die Alten so reden,
wird man hören,
dass es damals für sie auch Vorteile hat gegeben.
„Untam Hitler hot a jeda ghobt a Hockn,
daumois hom ma glaubt,
mia kenntn ollas pockn.“
Und auch die Jugend heute
findet den Adi cool,
„weu daumois woa Wien no net Istanbul.“
IV.
Dabei freuen sie sich weiterhin bei jedem Ski-Rennen,
wenn die Piefke
mal wieder nur die hinteren Plätze benennen.
Ja, ja,
die Deutschen verspottet bei uns schon jedes Kind,
ohne zu wissen,
dass wir und sie (fast) ident sind.
V.
Wir teilen Geschichte und Sprache,
Kultur und Religion —
na gut, die nur bedingt
wegen der Reformation.
Unsere Länder quälen auch jetzt die gleichen Plagen:
Mit Arbeitslosigkeit, Überfremdung und fehlender Identität
müssen sich die Menschen herumschlagen.
Deshalb wäre es dumm,
die Unterschiede zu unterstreichen,
gemeinsam
könnten wir viel mehr erreichen.
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16. Mai 2005, 23:21 Uhr, schneiderGottEr nimmt die Zahnbürste in die Hand, öffnet eine Türe des Spiegelschranks und lässt die Zahnbürste in einen kleinen blauen Plastikbecher fallen. Neben diesem Becher steht noch einer. Darin befinden sich zwei andere Zahnbürsten. Vor diesem Becher steht eine Tube Zahnpasta auf dem Kopf.
Nun greift er sich seine Zahnpasta, die auf dem Waschbeckenrand kopfüber steht, und stellt sie ebenfalls kopfüber vor seinem Becher. Danach schließt er den Spiegelschrank. Ein leises Quietschen ertönt dabei.
Auf der Rückseite der Türe des Spiegelschranks spiegelt sich sein Gesicht verschwommen wider. Er wischt das Kondenswasser weg. Nun sieht er sich klarer. Er schaut sich in die Augen. Tief in die Augen. Es scheint, als wäre er gefesselt von seinem eigenen Blick. Kurz schweift sein Blick ab auf seine Haare, seine Stirn, um dann wieder auf seine Augen zurückzukehren.
„Warum bin ich? Warum bin ich ich? Warum bin ich ich?“
Es wird ihm, als wäre er nicht mehr Teil seines Körpers. In ihm macht sich Verzweiflung breit und um sein Blickfeld scheint sich ein schwarzer Schleier zu legen. Dies ist jedoch nicht das erste Mal, dass er diese Erfahrung erlebt. Sie ist reproduzierbar. Immer, wenn er sich die ernsthaft die Frage stellt, warum gerade er er ist, tritt dieses Ereignis nach einer Zeit auf. Es tritt aber auch bei der Frage, was mit ihm wohl nach seinem Tod geschehen wird, auf.
„Wer sind die anderen? Sind die anderen wirklich?
Wer sagt mir, dass ich mir die anderen nicht nur einbilde? Vielleicht bilde ich mir die ganze Welt ein. Die anderen haben vielleicht gar kein Bewusstsein wie ich. Niemand kann mir beweisen, dass dem nicht so ist. Niemand.
Sie laufen vielleicht nur gewisse Pfade, gewisse Muster ab, die ich programmiert habe. Vielleicht hab ich all dies nur erschaffen, damit mir nicht langweilig ist. Damit ich nicht alleine bin. Vielleicht erschaffe ich nach meinem Tod einfach wieder eine neue Welt, ohne es zu wissen. Vielleicht sogar schon früher. Einfach, wenn ich unglücklich bin. Ich lösche danach das ganze Wissen von meiner Einzigartigkeit aus, um beruhigt in meiner eigenen, neuen Illusion leben zu können.“
Er tritt einen Schritt zurück. Dabei spürt er den Wechsel vom naßen Duschvorleger zu den kalten Fliesen. Sein Blick bleibt fixiert auf sein Spiegelbild.
„Aber wenn ich wirklich alles um mich herum erschaffen habe, dann müsste ich auch all dies wieder zerstören können. Wenn ich allein wirklich der Einzigartige und Allmächtige bin - wenn ich Gott bin - muss ich all dies wieder aufhören lassen können. Ich muss einfach nur wollen. Ich will es jetzt. Ich will die Wahrheit wissen.“
Er befindet sich plötzlich alleine in der Dunkelheit. Er will seine Hände ausstrecken, um zu tasten, doch er bemerkt, dass er keine Hände mehr hat. Ja, dass er gar keinen Körper mehr hat.
„Scheiße, wo sind meine Hände? Wo ist mein Körper?! Scheiße, verdammt! Bin ich wirklich alleine? Bin ich wirklich der Allmächtige? Scheiße, was mache ich nur? Um mir herum ist nichts.“
Er versucht zu schreien, doch er hört keinen Ton.
„Oh, nein, wo ist meine Stimme? Nein, nein, wo bin ich? Scheiße!'
'Mama? Mama ...' Er weint.
Er wendet sich vom Spiegel ab und öffnet die Badezimmertüre. Der Griff ist nass vom Kondenswasser. Er tritt aus dem Badezimmer, schließt die Tür und schaltet das Licht im Badezimmer von außen ab.
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04. Mai 2005, 21:59 Uhr, schneiderGasseEr geht.
Einsam und verlassen die dunkle Straße hinauf.
Es regnet.
Sind dies Geister? Oder Schritte verirrter Menschen?
Pferdeschnaufen.
Doch nur leise.
Noch scheint es weg zu sein.
Ein Schnaufen ohne Schritte.
Hinter ihm!
Nein.
Es wird lauter.
Wo ist es?
Spielt der Regen nur ein Spiel?
Ist er der Spielball, die Gasse das Spielfeld?
Nein.
Was anderes.
Nun auch Pferdegalopp.
Das schnaufen wird lauter
Der Galopp tut es gleich.
Jetzt.
Hinter ihm.
Da steht er.
Das Schwert erhoben.
Der Reiter auf dem Pferde.
Hoch steht stellt es sich auf.
Doch keinen Ton gibt es von sich.
Nur der Atem des Reiters.
Er wird kräftiger.
Der Reiter holt aus.
Er spürt keinen Regen mehr
Der Reiter fängt ihn auf.
Er spürt den kalten Stahl.
In seinem Bauch.
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02. Mai 2005, 19:00 Uhr, schneiderDie RedeMein Name ist eine Anspielung. Eine Anspielung auf mein Leben.
Als hätten meine Eltern gewusst, was mich für Leiden quälen werden, haben sie mir den Namen 'geile Drecksau' gegeben.
Einzig diesen Namen habe ich es zu verdanken, dass doch nicht alles geil ist, was dreckig ausschaut. Ich bin zwar geil, aber trotzdem nicht dreckig. Und dem möchte ich meiner Eltern danken. Danke.
Ich möchte nun auch allen traurigen Menschen danken, die mit mir so oft gelitten und gefiebert, als ich in des Drachen Schlunds gekämpft gegen seinen Gaumen. Als ich geschwommen durch seine Magensäure, die mir langsam aber sicher jedes Haar, und war es auch ein noch so kleines Schamhaar, hat vom Körper gefressen. Auch die Krämpfe des Drachens, denen ich mich erwehren musste, als sie drohten, mich zu erdrücken, meine Knochen zu zersplittern und meine Muskeln zu zerquetschen. Ja, all dies habe ich nur dank ihnen überstanden, meine Damen und Herren. Nach meinen Eltern möchte ich nun auch ihnen danken. Danke.
Ich meine – klar – sie haben nicht so viel für mich getan wie meine Eltern. Sie haben nicht die Qualen meiner Erzeugung aufgenommen, wie dies mein Vater und meine Mutter getan. Sie haben mich nicht ausgetragen und mich nicht genährt. NEIN, VERDAMMT – SIE haben gar nichts für mich getan. Unterstützt im Geiste haben sie mich, als ich für sie und ihre dreckigen Schwiegereltern – und nicht zu vergessen ihren dreckigen, kleinen Gfrasstsackeln – gekämpft habe, damit sie weiterhin ihren Partner betrügen können, weiterhin sich mit billigen Thais vergnügen können und weiterhin selbst-verliebt, egoistisch, wertelos und ohne zu differenzieren durchs Leben rennen zu können.
Und wenn ich all die so bedenke, meine Damen und Herren, ziehe ich den zuvor ausgesprochenen Dank zurück – sofern sie es natürlich erlauben sollten. Danke.
So, nun komme ich auch zum Ende meiner Rede. Oder war dies erst der Anfang? Ist mein Anfang das Ende? Oder nur mein Ende vom Anfang? Ist vor der Rede nach der Rede oder gar nach der Rede der Anfang vom Ende der nächsten Rede?
Mit diesen Worten – oder sind es eher Fragen? - - kann man eigentlich eine Frage nach einem Gedankenstrich stellen und danach den Satz wieder vorsetzen? Ich meine, dass Fragezeichen war doch ein Satzzeichen, dass eigentlich einen Satz beendet. Und ist es eigentlich erlaubt – in der neuen, teutschen Rechtschreibung, die selbstverständlich vom Volk entwickelt wurde und nicht „von oben“ einfach diktiert wurde – einen Gedankenstrich gleich nach einem anderen Gedankenstrich zu machen. So, als will man in einem Satz zwei Gedanken nach einander einbringe. Klar, man KÖNNTE daraus auch einfach zwei oder gar drei Sätze machen, aber muss man das? MUSS MAN DAS, NUR WEIL DAS VERDAMMT NOCHMAL ÜBLICH IST?!
So, nun komme ich endlich zum Ende. Zu meinem Ende. Ich möchte diese Rede mit folgendem Wort beenden: Danke.
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01. Mai 2005, 21:33 Uhr, schneiderTorschlusspanik?Wenn man am Ende des Tages da sitzt und kurz vorm Duschen Gehen ist, und man sich ärgert, dass man wieder einmal nichts von dem gemacht hat, was man sich eigentlich vorgenommen hat und statt dessen wieder nur faul herumgelungert ist, hat man wohl ein Gefühl der Torschlusspanik, eines der 'Midlife-Crisis'.
Wie bei der Torschlusspanik oder der 'Midlife-Crisis' versucht man auch an solchen Tagen am Ende- bei mir so ab 21:00 - noch so viel wie möglich von dem nachzuholen, was man sich die ganze Zeit über vorgenommen hat.
Warum lassen wir uns erst so viel Zeit und versuchen dann, alles in letzter Minute zu erledigen. Warum lassen wir die Sachen dann nicht gleich bleiben? Wenn wir uns schon davor damit nicht beschäftigen wollten, kann es ja nicht so wichtig gewesen sein.
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25. März 2005, 13:14 Uhr, schneidereinschlafenDa liegt er nun,
den Schlaf nicht findend,
vor Langeweil
im Bett sich windend.
Den Blick an der Decke,
die Gedanken beim Dichten,
zum Schlafen bereit
ist er mitnichten.
Weder Körper, noch Geist —
Normalerweis
er um die Zeit noch durchs Internet reist.
Doch morgen beginnt sie wieder,
die alte Leia:
Morgen ist Schule,
drum ab in die Heia.
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